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Die stille Krise: Warum Kinder heute so schlecht mit Langeweile umgehen

Früher war Langeweile normal. Heute greifen Kinder nach 30 Sekunden zum Smartphone, Tablet oder schalten den Fernseher an. Ohne Dauerbeschallung scheinen die Kinder von heute nicht mehr auszukommen. Dabei ist Langeweile unglaublich wichtig für die kindliche Kreativität.

Am vergangenen Christi Himmelfahrt Wochenende habe ich im Zuge eines Eishockey-Camps vier Tage lang 29 Kinder betreut. Der Clou, die Umkleidekabinen wurden aus Platzmangel in die Tiefgarage verlegt. Schnell stellten die Kids fest – hier gibt es ja gar keinen Empfang. Das Zocken sowohl das Schauen von Videos am Smartphone war somit nicht möglich. Während die einen die Pausen also in die Natur verlegten und auf dem Spielplatz oder im angrenzenden Wald spielten, packten die anderen Kinder Gesellschaftsspiele aus und spielten UNO oder Schach. Zu sehen waren glückliche Kinder, die sich miteinander beschäftigten, zusammen lachten und eine tolle Zeit verbrachten. Dank der dicken Betonwände der Tiefgarage und der damit resultierenden Langeweile wurden die Kinder unglaublich kreativ. Ich bin mir sehr sicher, dass die Pausen ansonsten anders ausgesehen hätten: Jedes Kind hätte vermutlich an dem eigenen kleinen Bildschirm geklebt.

Jedoch anders. Ich habe in diesen Tagen nicht einmal den Satz „Mir ist langweilig.“ gehört. Im Gegenteil, ich musste die Kinder teilweise mehrfach darauf hinweisen, dass sie nach der Spielpartie nun wirklich zum Ende kommen und sich langsam fürs Eis fertig machen müssen.

Die Welt der Dauerreize

Noch nie war Unterhaltung so verfügbar wie heute. Smartphones, Streamingdienste, Videoplattformen, Spiele-Apps und soziale Medien liefern ununterbrochen neue Reize. Schnell, bunt und sofort belohnend. Das Problem daran ist nicht nur die Bildschirmzeit selbst. Entscheidend ist die Geschwindigkeit der Belohnung.

Das Gehirn gewöhnt sich daran, dass jederzeit etwas Spannendes passiert: Ein neues Video, ein neues Spiel, eine neue Nachricht. Im Vergleich dazu wirken ruhige Momente plötzlich unerträglich. Sobald mal nichts geschieht, wird ganz automatisch das Smartphone gezückt. Während der Autofahrt, im Restaurant, im Wartezimmer, an Regentagen… einfach immer und überall. Sogar die Allerkleinsten werden im Einkaufswagen oder Kinderwagen mit den kleinen Bildschirmen „still“ gehalten. Und ja, es gibt sogar Kinder die sich explizit zum Zocken verabreden. Schon im Grundschulalter. Während wir früher zusammen Fahrrad- oder Inliner gefahren sind, Ball gespielt, mit Kreide auf der Straße gemalt oder auf dem Spielplatz gespielt haben, sitzen diese Kinder nebeneinander auf der Couch und jedes schaut dabei stundenlang auf den kleinen Bildschirm und versinkt in der digitalen Welt.

Die Auswirkungen: Viele Kinder erleben dadurch eine geringe Ausdauer bei „langweiligen“ Aufgaben, eine schnelle Gereiztheit ohne äußere Reize sowie Schwierigkeiten bezüglich der Konzentration. Man spricht heutzutage bei diesen Kindern bereits von einem TikTok-Gehirn.

Diese Entwicklung betrifft aber nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Viele Eltern fühlen sich heute verantwortlich, ihre Kinder permanent sinnvoll zu beschäftigen. Es gibt Bastelideen, Förderangebote, Sportkurse, Musikunterricht, Lernspiele und pädagogische Freizeitgestaltung. Doch Kinder brauchen nicht rund um die Uhr Animation. Tatsächlich kann ständige Beschäftigung sogar verhindern, dass sie lernen, sich selbst zu regulieren. Wer nie Leerlauf erlebt, entwickelt auch kaum die Fähigkeit, innere Ruhe auszuhalten. Daher sind programmlose Tage hin und wieder sinnvoll.

Wenn Langeweile sofort „weggewischt“ wird

Ein entscheidender Unterschied zu früher ist die permanente Verfügbarkeit digitaler Ablenkung. Früher musste man Langeweile aushalten, zumindest für eine gewisse Zeit. Heute reicht ein Griff zum Bildschirm, und das unangenehme Gefühl verschwindet sofort.

Dadurch lernen viele Kinder unbewusst, dass unangenehme Gefühle sofort beseitigt werden müssen. Das betrifft übrigens nicht nur Langeweile. Auch Frust, Traurigkeit oder innere Unruhe werden häufig direkt mit Unterhaltung überdeckt. Langfristig kann das problematisch werden. Denn emotionale Widerstandskraft entsteht nicht durch Vermeidung, sondern durch Erfahrung.


Schon Astrid Lindgren schrieb: „Und dann braucht man ja auch noch Zeit, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen“. Dieser zeitlose Spruch erinnert daran, wie wichtig bewusste Ruhepausen, Entschleunigung und kleine Momente des Nichtstuns im hektischen Alltag sind.

Interessanterweise entstehen nämlich viele der besten Ideen gerade dann, wenn nichts passiert. Beim Tagträumen. Beim Herumsitzen. Beim ziellosen Spielen. Oder eben, in einer Tiefgarage in der das Smartphone nicht wie gewünscht zum Einsatz kommt.

Neurowissenschaftler sprechen davon, dass das Gehirn in ruhigen Momenten beginnt, Informationen neu zu verknüpfen. Kinder entwickeln Geschichten, bauen Fantasiewelten oder denken über Dinge nach, für die im hektischen Alltag kein Raum bleibt. Wer jede freie Minute mit Konsum füllt, nimmt diesem Prozess den Platz.

Besonders beobachten kann man dieses Phänomen beispielsweise bei einem Spaziergang durch den Wald. Kinder finden Spaziergänge nämlich oftmals ziemlich öde und sind nur schwer hierfür zu begeistern. Doch insbesondere im Wald werden Kinder schon nach wenigen Minuten und ganz ohne Beeinflussung der Eltern, unglaublich kreativ. Der Wald ist ein riesiger kostenloser Abenteuerspielplatz.

Was Eltern konkret tun können

Die Lösung ist nicht, digitale Medien komplett zu verbieten oder Kinder absichtlich leiden zu lassen. Viel wichtiger ist ein bewussterer Umgang mit Leerlauf. Wenn dein Kind sagt „Mir ist langweilig“, muss nicht unmittelbar Unterhaltung folgen. Oft reicht ein ruhiges: „Vielleicht fällt dir selbst etwas ein.“ Anfangs entsteht Widerstand. Doch genau dieser Moment ist wichtig.

Digitale Medien sind nicht grundsätzlich schlecht. Problematisch wird es, wenn sie zur automatischen Standardreaktion auf jede freie Minute werden. Besonders hilfreich sind bildschirmfreie Zeiten: Beim Essen, im Auto, vor der Schule oder dem Kindergarten und vor dem Schlafengehen. Außerdem sind festgelegte und eingestellte Bildschirmzeiten für Kinder enorm wichtig.

Die Bildschirmnutzung variiert je nach Entwicklungsstand, Alter und Interessen der Kinder. Die folgenden Richtwerte helfen, eine ausgewogene Nutzung zu gewährleisten: Kinder von 6 bis 9 Jahre sollten eine tägliche Bildschirmzeit von maximal 30 bis 45 Minuten pro Tag und von 9 bis 12 Jahre maximal 45 bis 60 Minuten pro Tag nicht überschreiten. Dabei sollten die Inhalte gemeinsam besprochen werden. Jugendschutz-Einstellungen sind wichtig, wenn das Kind ohne Begleitung online ist. (Quelle: https://www.klicksafe.de/bildschirm-und-medienzeit-was-ist-fuer-kinder-in-ordnung/bildschirmzeiten-bei-kindern-von-6-bis-12-jahren)

Vielleicht ist Langeweile also gar kein Problem, das gelöst werden muss. Vielleicht ist sie ein Raum, den Kinder dringend zurück brauchen.

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