Mit einem Rucksack auf dem Rücken und schnellen Schrittes durch die Stadt zu laufen und dabei immer die Augen nach dem schönsten Motiv für die Kamera offen zu halten, ist für mich nichts Neues. Oft entdecke ich ganz neue, mir bisher unbekannte Orte, Statuen oder Gegenstände, an denen ich doch schon so oft vorbei gelaufen bin, aber noch nicht wahr genommen habe. Erst letzte Woche, als ich für eine Veranstaltung mein eigenes Buch an spannenden Orten in Szene gesetzt und fotografiert habe, wurde mir wieder bewusst wie schön unsere Stadt ist.
Es gibt so viele wunderbare Orte, die uns nach einem stressigen Tag zur Ruhe kommen lassen und auch Orte an denen man sich mit Freunden treffen und eine Menge Spaß haben kann. Es gibt Orte, die uns in die Vergangenheit reisen lassen und uns ins Staunen versetzten und es gibt Orte die jede Langeweile vertreiben und zum Mitmachen einladen. Ein perfekter Mix aus allem.
Während ich bei den ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres auf der Suche nach den perfekten Orten für meine Bilder durch den Park lief, füllte sich dieser immer mehr mit Menschen, die spazieren gingen, auf den Wiesen oder Bänken saßen und auch viele Jogger waren unterwegs. Es herrschte eine ganz besondere Stimmung. Die meisten hatten ein Grinsen auf dem Gesicht. Man merkte richtig, wie sie das schöne Wetter genossen und sich nach dem langen Winter auf die Zeit in der Natur freuten. Ich freute mich schließlich auch.
Und plötzlich kam mir der Gedanke: Ich fühle mich ein wenig wie ein Tourist in meiner eigenen Stadt. Ich weiß genau wo ich bin. Doch das macht das Gefühl so seltsam: Ich bin zuhause doch gleichzeitig auch irgendwie fremd.
Ich bleibe vor jeder Statue stehen, lese, staune und fotografiere. So oft mache ich Bilder von den gleichen Spots, weil ich sicherlich nicht genug davon bekommen kann. Zu jeder Jahres- und Tageszeit sieht es zumindest hier im Park anders aus. Jedes Mal zum Staunen schön. Jedes Mal auf eine andere Art und Weise.
Geh öfters mal einen anderen Weg oder eine andere Straße und schau was passiert
Vor einiger Zeit habe ich mal gelesen, dass man ab und an einfach mal einen anderen Weg gehen oder eine andere Straße wählen sollte. Was dadurch geschieht ist unglaublich. Plötzlich nimmt man Dinge wahr, die sonst im Alltag untergehen: Die Details an alten Hausfassaden, die dekorierten Vorgärten und Fenster, das Stimmengewirr aus einem Café, das man vielleicht sonst nur von außen kennt, oder das Licht, das durch eine Seitenstraße fällt, als hätte man sie noch nie betreten.
In solchen Momenten verlangsamt sich alles. Ich beobachte mehr, denke weniger in To-do-Listen und mehr in Eindrücken. Ich bleibe stehen, wo ich sonst einfach weitergehe. Ich schaue nach oben, wo ich sonst nur geradeaus blicke. Es ist, als würde ich meine eigene Stadt mit den Augen eines Besuchers sehen – neugierig, offen und ohne feste Erwartungen.
Vielleicht liegt es daran, dass der Alltag uns abstumpft. Wege werden zur Routine, Orte zu reinen Funktionen. Der Bäcker ist nicht mehr ein Ort mit Gerüchen und Gesprächen, sondern nur noch „der schnelle Halt am Morgen“. Der Park wird zur Abkürzung, nicht mehr zum Aufenthaltsort. Wir hören auf, unsere Umgebung wirklich wahrzunehmen, weil wir glauben, sie bereits zu kennen.
Doch wenn ich mich wie ein Tourist fühle, passiert genau das Gegenteil. Ich entdecke Bekanntes neu. Ich frage mich, wie andere Menschen diesen Ort erleben. Welche Geschichten sich hinter den Fenstern abspielen. Warum ein bestimmtes Gebäude genau so aussieht, wie es aussieht. Plötzlich wird die Stadt wieder lebendig und nicht nur als Kulisse meines Alltags, sondern als Ort vieler Möglichkeiten.
Interessanterweise bringt dieses Gefühl auch eine gewisse Leichtigkeit mit sich. Als Tourist hat man keine Verpflichtungen. Man darf ziellos sein, sich treiben lassen, Umwege machen. Wenn ich mir erlaube, meine eigene Stadt auf diese Weise zu erleben, nehme ich mir selbst ein Stück Druck. Ich muss nicht immer effizient sein. Ich darf einfach nur da sein.
Ich glaube, wir alle könnten davon profitieren, ab und zu in diese Rolle zu schlüpfen. Nicht, weil wir unsere Stadt nicht kennen, sondern gerade, weil wir sie zu gut zu kennen glauben. Denn zwischen all den bekannten Wegen und Orten verstecken sich oft genau die Momente, die uns wieder überraschen können.
Man muss dafür nicht immer weit reisen. Manchmal reicht es, einfach die Perspektive zu wechseln. Probier es mal aus!
Falls du auch in oder um Kassel wohnst, dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für mein Buch 111 Orte für Kinder in Nordhessen, die man gesehen haben muss. Du findest es in jeder Buchuhandlung oder hier. Ich zeige dir Orte, die du garantiert noch nicht gesehen hast.