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Wenn die Kindheit vor dem Bildschirm stattfindet: Die neue Generation Medien-Kinder

Generation_Tablet

Egal wo man hinschaut: Beim Einkaufen, im Restaurant, im Wartezimmer und selbst beim Spazierengehen im Park – gefühlt haben alle Kinder ein Smartphone oder Tablet in der Hand. Mehrfach habe ich beobachten können, dass selbst die Allerkleinsten mit einem Bildschirm in der Hand in den Einkaufswagen gesetzt werden. Verrückt und traurig zugleich. Und immer wieder stelle ich mir die Frage: Warum?

Ich gebe zu, ich bin genervt!
Genervt von der Generation Smartphone und Tablet-Kindern. 

Warum stellen Eltern ihre Kinder auf diese Weise still? Ganz klar, es ist natürlich die einfachere Variante um ganz in Ruhe ohne Quengeln um die Süßigkeiten oder dem gewünschten Aussteigen aus dem Wagen, den Einkauf zu erledigen. Durch den starren Blick auf den kleinen Bildschirm werden die Kinder automatisch still gesetzt und bekommen noch nicht einmal mit, wenn man an den Regalen mit den Fruchtgummis und der Schokolade vorbei geht. Ähnlich ist es in allen andern alltäglichen Situation auch – praktisch, ich weiß. Jedoch sind die Folgen enorm.

Eine Kindheit vor dem Bildschirm

Wenn ich in meine Kindheit zurück blicke, habe ich tolle Erinnerungen. Ich habe jede freie Minute draußen gespielt. Verabredet wurde sich bereits Vormittags oder auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten und Schule. Zu Hause angekommen, wurde im Galopp Mittaggegessen und die Hausaufgaben erledigt und dann ging es nichts wie raus – an manchen Tagen waren die Nachbarskinder schon eher fertig und standen bereits mit ihren Fahrrädern oder in Inlinern vor der Haustür und holten einen zum Spielen ab. Es wurden Runden auf den Fahrrädern oder mit der Babyborn im Puppenwagen durchs Dorf gedreht, auf dem Spielplatz oder in den Gärten gespielt, auf der Straße mit Kreide gemalt, Drei-Käse-Hoch und Räuber und Gendarm, Inlinehockey und Gummitwist gespielt und sich gegenseitig in den leeren Papiertonnen durch die Straße geschoben. Auf den Straßen waren immer andere Kinder unterwegs, so dass man in der Regel nie allein war. In den Sommermonaten wurde abwechselnd in den Gärten gezeltet und die warmen Tage mit den Freunden/innen im Schwimmbad verbracht. Nach Hause ging es erst mit dem Abendläuten der Kirchenglocke, dann war Abendessenszeit. Das war Kindheit pur mit vielen Abenteuern und unvergesslichen Freundschaften.

Heutzutage ist der Ablauf bis eine Verabredung überhaupt entsteht ein langwieriger Prozess, denn meist läuft die Planung über die Eltern ab – natürlich schriftlich per WhatsApp anstatt über das Haustelefon kurz durchzurufen. Bis dann ein für alle passender Termin zum Spielen gefunden wird, können gut mal mehrere Wochen  vergehen. Natürlich ist dies auch dem geschuldet, dass heute meistens beide Elternteile in fester Anstellung und die Kinder nachmittags fremdbetreut sind. Vor einigen Jahren waren meist die Mütter in Teilzeit Vormittags beschäftigt oder gänzlich für die Care Arbeit zuständig. Auch dies ist mitunter ein Rückschluss, warum die Kinder heute mehr Zeit vor dem Tablet verbringen: die Eltern haben im alltäglichen Stress und durch den Vollzeitjob keine Zeit für Freizeitaktivitäten oder Spielbesuch unter der Woche.

Anstatt die Nachmittage also mit Freunden/innen auf dem Spielplatz, im Wald oder Fußballplatz zu verbringen, tauchen sie in ihre eigene Welt ab und lassen sich von animierten Filmen und Spielen – meist in verstellter Babysprache, berieseln. Schließlich wurde ihnen dieser Medienkonsum von Klein auf gewährt und ist mittlerweile für sie in einer Art völlig normal sowie jederzeit frei zugänglich. Dabei ist der Tag, das Leben, das neben dem Bildschirm abläuft so viel schöner und wertvoller als das, was die Kinder dort sehen.

Die Folgen

Schaut man sich mal um – und ich bin mir sicher, dass Erzieher/innen und Leher/innen, nun nickend zustimmen – sieht man, dass sich das Sozialverhalten und auch die Beweglichkeit bei Kindern in den vergangenen Jahren zunehmend verändert hat. Natürlich gab es schon immer verhaltensauffällige Kinder – jedoch waren diese eher seltener und ganz klar in der Unterzahl. Durch den wachsenden digitalen Einfluss ist zu beobachten, wie diese medialen Begleiter Kindern schaden und die Veränderungen bei ihnen zunehmen. Neben den Verhaltensauffälligkeiten kommen leider auch eine ständige Müdigkeit sowie die Sprachprobleme und die obszöne Wortwahl bereits bei jüngeren Kindern hinzu.

Folgen dieser sind nahezu denkbar: Diese Kinder haben oftmals Probleme in der Schule und können bei argen Verhaltensauffälligkeiten unbeliebt bei anderen Kindern und Erwachsenen sein. Kinder, die übermäßig Medien konsumieren ziehen sich gern zurück und vernachlässigen Hobbies und Freunde. Dadurch entsteht automatisch eine Kette mit Zusatzfolgen, denn wer unbeliebt ist oder sich zurückzieht hat keine Freunde, dem fehlt es an sozialen Kontakten, mit denen man tolle Sachen erleben könnte – man entwickelt sich quasi automatisch zum Außenseiter.

Gesund konsumieren

Generell möchte ich nicht sagen, dass Kinder gar keine Medien konsumieren sollen. Denn es gibt beispielsweise ganz tolle lehrreiche Spiele und Apps zur Vorbereitung auf die Schule oder Sammlungen mit lehrreichen Materialien und Hilfsprogramme für die Schule.

Wichtig ist das Alter des Kindes sowie die Art und Dauer des Konsums: Kinder bis vier Jahren sollten grundsätzlich auf den Konsum von Medien verzichten, Kinder bis 8 Jahre sollten täglich nicht länger als 30 Minuten vor dem Bildschirm sitzen und Kinder von 9 bis 10 Jahre nicht länger als 60 Minuten. Dazu können auf den Geräten beispielsweise feste Bildschirmzeiten eingestellt werden. Ist die Zeit verbraucht, schaltet sich das Gerät automatisch aus. Ausnahmen können je nach Bedarf bei Lernprogrammen für die Schule gemacht werden. Ab 10 Jahre können die Kinder sich eine abgestimmte Medienzeit selbst einteilen.

Zudem sollten Eltern immer ein Auge darauf haben, was die Kinder sich anschauen oder spielen. Im besten Fall kann man sich die App- und Spielbeschreibung vorab erst einmal durch lesen oder selbst ausprobieren. YouTube ist grundsätzlich nicht geeignet für Kinder und sollte auf jedem Gerät gesperrt werden. Eine Alternative hierzu ist YouTubeKids. Auch Instagram ist für Kinder unter 16 Jahren tabu und was vermutlich viele Eltern nicht wissen, verboten. Auch TikTok ist offiziell erst ab 13 Jahren mit diversen Einschränkungen erlaubt. Wie die festgelegte Bildschirmzeit kann auch bei der App- und Spielinstallation die Eltern-Erlaubnis-Funktion hinterlegt werden.

Gemeinsam statt einsam

Wir Erwachsenen sind das Spiegelbild unserer Kinder. Wenn wir ständig mit dem Smartphone in der Hand vor unseren Kindern sitzen und uns nicht mehr miteinander unterhalten, so können die Kinder nicht richtig sprechen lernen. Wenn wir bei jedem Signalton des Smartphones aufspringen und lieber Nachrichten und Anrufe beantworten, anstatt mit den Kindern den Moment zu genießen, so versprüht dieses eine gewisse Unruhe. Man kann hier feste Familienregeln festlegen: Kein Smartphone am Essenstisch und keine Medienzeit ab 18 Uhr mehr.

Wir Erwachsenen sind ganz alleine für den Medienkonsum unserer Kinder zuständig. Es muss nicht in jeder unangenehmen Situation das Smartphone gezückt und dem Kind in die Hand gedrückt werden um es quasi still zu setzen. In Wartezimmern oder im Restaurant können beispielsweise Bücher angeschaut oder Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst gespielt werden, ebenso während Autofahrten oder Spaziergängen. Für unterwegs kann aber auch ein kleines Spielzeugauto oder ein Pappbilderbuch eingepackt werden.

Kinder finden ganz allein einen Weg sich zu beschäftigen und nebenbei mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, ganz ohne Smartphone, Tablet und Co.

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